Selbstmord ist Kultur
Hat man sich nicht schon mehr als ein Mal gefragt, wieso Japaner so "seltsam" sind? Warum sie z. B. ständig lächeln, alles fotografieren, keinen Alkohol vertragen, und stattdessen mit Genuss rohen Fisch verzehren? Vielleicht haben sich auch schon einige gefragt, wieso die Bewohner des Landes der aufgehenden Sonne in der Öffentlichkeit, ohne sich zu schämen, Porno-Comics lesen oder… so wenige Black- oder Pagan-Metal-Bands vorzuweisen haben. Auf diese Fragen wird hier erst einmal keine Antwort gegeben (Reingelegt! ;) ) Denn eigentlich sind diese kleinen Eigenheiten gar nicht so mysteriös. Nicht so sehr, wie z. B. der Umstand, dass mindestens 4 der größten Schriftsteller des Inselstaates, darunter auch Kawabata Yasunari, der als erster Asiat und Japaner den Literaturnobelpreis erhalten hat, sich eigenhändig das Leben genommen haben. Dass das Wort „Kamikaze“, das spätestens ja seit dem 11. September wieder in aller Munde ist, auch japanischen Ursprungs ist. Dass eine der grausamsten Arten, sich umzubringen, in dem man sich bei lebendigem Leibe den Bauch aufschlitzt, ja auch von den fernöstlichen Insulanern stammt. Und und und… Diesen eigenartigen Zufällen auf den Grund zu gehen, erschien mir weitaus interessanter.
„Sterben ist Kultur“ lautete der Titel des in der Zeit (23. 11.’00, Nr. 48) erschienenen Artikels, welcher einem der berühmtesten und wohl auch berüchtigtsten Schriftsteller der japanischen Moderne, Mishima Yukio gewidmet war. Diese Aussage mag für einen unvorbereiteten europäischen Leser sicherlich schockierend klingen, doch in ihr findet sich die auf Schönheit und Tod basierende Philosophie des japanischen Exzentrikers, welcher sich letztlich durch rituellen Selbstmord das Leben nahm, auf den Punkt gebracht. In diesem sicherlich provokativen Titel findet darüber hinaus einer der charakteristischsten Züge der japanischen Mentalität wieder, die in vielen Aspekten in einer offensichtlichen Opposition zu den abendländischen Werten steht, welche, auch wenn sie sich im Laufe der Jahrhunderte einigen Wandlungen unterzogen haben, in ihrer Essenz doch verhältnismäßig unverändert geblieben sind. Verfolgt man die Geistesentwicklung der japanischen Gesellschaft spätestens seit der Epoche des Feudalismus bis in die heutige Zeit hinein, stellt man fest, dass die Einstellung zum Tod und folglich auch zum freiwilligen Scheiden aus dem Leben bei den Japanern einen ganz anderen Stellenwert hat. Von dem entscheidenden Einfluss von 20 Jahrhunderten Christentum, das bekanntlich den Selbstmord ausdrücklich verbietet, ganz abgesehen, wurde der Suizid in Europa nicht nur in der antiken Philosophie, welche eine viel verständnisvollere Einstellung vertrat, sondern auch in den modernen philosophischen Strömungen, welche den Freitod allmählich aus der Tabuzone befreiten und sich seit der Renaissance immer mehr vom Einfluss des Christentums emanzipierten, höchstens in einem kleineren oder größeren Maße gerechtfertigt, jedoch niemals als positiv oder erstrebenswert bewertet und gehört immer noch dem Bereich des Negativen an. Die Tatsache, dass in vielen westeuropäischen Ländern bis in die neuste Zeit hinein der Selbstmord als ein sehr ernsthaftes „Vergehen“ eingestuft wurde – in England stand, wie absurd es auch klingen mag, bis in die 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts sogar die Todesstrafe dafür – scheint der beste Beweis dafür zu sein. Vergleicht man diese Situation mit der in der japanischen Gesellschaft gegenüber dem Freitod vorherrschenden Haltung, bekommt man den Eindruck, man sähe einer verkehrten Welt entgegen. Auf die moderne japanische Gesellschaft trifft dies vielleicht nur mit Vorbehalt zu, jedoch ist diese geistige Wandlung wohl eindeutig auf den europäischen und amerikanischen Einfluss zurückzuführen, der seit der Öffnung Japans, welche am Ende des vorletzten Jahrhunderts erfolgte, immer stärker wurde. Wirft man aber einen Blick auf das feudale Japan, vor allem auf das Land zur Zeit des Tokugawa–Shogunats (Militärherrschaft der Tokugawa-Familie (1603-1867). Die Regierungsform des Shogunats zeichnet sich dadurch aus, dass die eigentliche Macht vom jeweiligen Shogun und nicht vom japanischen Kaiser ausgeübt wird.), die Epoche in der Geschichte Japans, in der es für knapp 300 Jahre von der Außenwelt abgeschottet war, findet man eine vom Konfuzianismus und vor allem von der in höheren Schichten der Bevölkerung vorherrschenden Ideologie des Bushido geprägte Gesellschaft vor.
Der Begriff „Bushido“ wird üblicherweise mit dem „Weg des Kriegers“ übersetzt. Es handelt sich dabei um einen Art Verhaltendkodex für Samurai, der ein der japanischen Kultur eigenes Phänomen bezeichnet und als einzigartig betrachtet werden kann. Diese Lebensphilosophie kristallisierte sich allmählich heraus um die Wende vom 12. ins 13. Jahrhundert, als die Kriegerklasse Japans zum ersten Mal die offizielle Macht übernahm, Minamoto no Yoritomo Shogun wurde und 1192 in Kamakura eine Militärregierung errichtete, die die Macht des Tenno, also des japanischen Kaisers, usurpierte. Dem neuen Bewusstsein der Kriegerklasse entsprang auch das Bedürfnis, sich speziell mit Fragen der Existenz – die der des Todes – auseinanderzusetzen. Tatsächlich kommt dem Todesgedanken innerhalb dieses außergewöhnlichen Wertesystems eine enorme Bedeutung zu. Das von Vielen als essentielle Quelle zum Bushido betrachtete Werk von Yamamoto Tsunetomo, „Hagakure“ zeigt aufs Anschaulichste, dass die Beschäftigung mit der Vorstellung des eigenen Sterbens bei den Samurai die Ausmaße einer fixen Idee angenommen hat. Diese zwischen 1710 und 1716 entstandene Vorschriften- und Regelsammlung für einen perfekten Gefolgsmann enthält auffällig viele Kapitel, die sich ausschließlich der Todesthematik widmen. Gleich im ersten Kapitel der Schrift verkündet der Verfasser, selbst ein ehemaliger Samurai, unter dem programmatischen Namen „Erkenne die Bedeutung von Bushido“:
Ich habe herausgefunden: Bushido, der Weg des Kriegers, liegt im Sterben. Wird man mit zwei Alternativen konfrontiert, Leben und Tod, so soll man ohne Zögern den Tod wählen. […] Das ist die Essenz des Bushido.
Eines der beeindruckendsten Kapitel, die von dem tiefen Ernst dieser stoischer Haltung Yamamoto Tsunetomos zeugen, trägt den Titel „Stirb jeden Morgen“:
Stell dir jeden Morgen aufs neue vor, dass du bereits tot bist. Halte dich jeden Morgen, wenn dein Geist friedvoll ist, ohne Unterlaß für tot, denke über verschiedene Arten des Todes nach, stell dir deine letzten Augenblicke vor, wie du von Pfeilen, Kugeln und Schwertern in Einzelteile zerfetzt wirst […], an einer tödlichen Krankheit leidest oder plötzlich tot umfällst.
Ein derartig zelebrierter Todeskult ist im Sinne des Verfassers von „Hagakure“ schließlich aber auch nur ein Mittel um Zweck. Denn die höchste und einzige Aufgabe des Samurai besteht seiner Meinung nach darin, seines Herren möglichst guter Diener zu sein. Der Gefolgschaftstod wird als der Höhepunkt der Loyalität beschrieben. Davon ist wiederum der Gedanke, ein Selbstmord sei, wenn es dem Wohle des Fürsten dient, durchaus gerechtfertigt, nur noch einen Schritt entfernt. Denn wenn der Tod als alleiniger Beweis von Loyalität angesehen wird, beginnen die Bushi nach jeder Gelegenheit zu suchen, im Kampf zu fallen oder durch Selbsttötung zu sterben. Im Gegensatz zum westlichen Kulturkreis, wo der Suizid immer den letzten Ausweg bedeutet, wird der Freitod in dieser gesellschaftlichen Schicht des feudalen Japans regelrecht zu einem Lebensziel erhoben. Eine derartige Geisteshaltung, die in einem gewissen Maße der Instutionalisierung des Freitodes gleichkommt, bringt einen stark entwickelten Bräuchekomplex in diesem Bereich mit sich. Tatsächlich besitzt Japan eine Kultur, die die Ritualisierung des Mordes, genauer gesagt, einer Selbstmordmethode – die des Seppuku, im Westen geläufiger unter dem Begriff Harakiri (eine andere Lesung derselben Schriftzeichen), was ganz wörtlich „Bauchaufschlitzen“ bedeutet – am weitesten vorangetrieben hat. Sein genauer Ablauf war mit erstaunlicher Präzision kodifiziert und musste von den Samurai schon in der Kindheit erlernt werden. Die Zeremonie des Selbsttötung existierte in drei Abwandlungen, die von der sozialen Stellung des den Freitod Wählenden bestimmt wurden. Frauen hatten nicht das Recht, Seppuku, also das eigentliche Bauchaufschlitzen, durchzuführen. Jedoch zeichnete sich die Option des Selbstmordes auch beim weiblichen Geschlecht durch eine weitaus größere Selbstverständlichkeit aus, als es im europäischen Kulturkreis der Fall war. Im gegebenen Fall schnitten sich die Frauen mit einem Dolch die Halsschlagader durch.
Welche Dimensionen die Akzeptanz des Suizids in diesem Gesellschaftlichen System annahm, lässt sich an der Vielfältigkeit der Anlässe sehen, bei welchen der Selbstmord nicht nur als ein möglicher Ausweg in Frage kam, sondern als unumgänglich galt. Genannt seien hier die wichtigsten überlieferten Gründe für die freiwillige Selbsttötung:
• Selbstmord, um einer Gefangenschaft oder Niederlange zu entgehen
• Selbstmord von Vassalen, Witwen und Bediensteten nach dem Tod ihres Herren: Die Tatsache, dass die Loyalität gegenüber dem Fürsten als die einzige Lebensaufgabe und die Bereitschaft seinem Herren in den Tod zu folgen als die moralische Pflicht jedes Samurai verstanden wird, läuft in Friedenszeiten auf den Selbstmord seiner Gefolgsleute hinaus.
• Selbstmord, der einem zum Tode verurteilten Verbrecher gewährt wird: mit seinem Akt wäscht er sich und seine Familie von Schimpf und Schande rein.
• Selbstmord als Übernahme der Verantwortung für eigenes Versagen
• Selbstmord als Beweis der eigenen Unschuld: Der Bauch (Hara) gilt in Japan als der Sitz der Seele. Indem man sich beim Harakiri den Bauch öffnete, zeigte man seine Seele den Anderen vor, damit sie sich von ihrer Reinheit überzeugen konnten.
• Rache-Selbstmord: Wollte sich jemand an seinem Feind rächen, brachte er sich an seiner Türschwelle um. Das bedeckte den Hausbesitzer und dessen Familie mit Schande.
• Shinju - Doppelselbstmord aus Liebe: Ursprünglich war Shinju die Bezeichnung für Liebesbeweise, wie das Schreiben von Liebesschwüren, Abrasieren der Haare, Tätowierungen, das sich selbst Wunden und Brandwunden Zufügen, das Ausreißen von Finger- oder Zehennägeln oder das Abschneiden von Fingern. Im Falle hoffnungsloser Liebe, wenn die Liebenden nicht zusammenkommen konnten, konnten sie als ultimativen Beweis ihrer Ernsthaftigkeit gemeinsam Selbstmord begehen. Solche Liebesdoppelselbstmorde nannte man Shinju-shi (Shinju-Tod), später einfach Shinju. Shinju kann auch einen Mord-Selbstmord bezeichnen oder einen Gruppenselbstmord (z. B. einer Familie), aber klassisch ist ein freiwilliger Doppelselbstmord eines Liebespaares. Zum Ende des 17. Jahrhunderts waren Liebesdoppelselbstmorde zwischen Bürgern so häufig geworden, dass sie sich zu einer Art Institution mit eigenen Konventionen und formalisierten Vorgehensweisen entwickelten. Zahlreiche romantisierende und reißerische Kurzgeschichten und Theaterstücke, die Shinju zum Thema hatten, brachten eine so starke Zunahme an Doppelselbstmorden mit sich, dass 1722 die Aufführungen von Stücken mit diesem Thema für eine Zeit untersagt wurden. Man versuchte sogar, durch harte Strafen für fehlgeschlagene Versuche und durch erniedrigende Zuschaustellung von Leichen mögliche Selbstmörder abzuschrecken. Der Grund für eine derartige Selbstmord-Hysterie ist vor allem in der konfuzianistischen Lebensphilosophie, welche im 17. Jahrhundert auch in die bürgerliche Kultur der Städte Eingang fand, bzw. in den Konflikten zu suchen, die sich dadurch ergaben. In der Welt der konfuzianistischen Wertevorstellungen war der Pflicht (giri) die höchste Priorität eingeräumt. Verpflichtungen gegenüber den Eltern und Geschwistern oder z. B. den Geschäftspartnern nicht nachzukommen bedeutete sein Gesicht zu verlieren, und sich und seine Familie mit Schande zu bedecken. Die Pflicht beherrschte alle Lebensbereiche, und so war es unumgänglich, dass sie früher oder später auf den Widerstand der Gefühle (ninjo) traf. Im tragischen Konflikt zwischen Pflichtbewusstsein und Gefühlsregungen schien der Selbstmord, bzw. der Doppelselbstmord oft der einzige Ausweg zu sein.
Im Vergleich zum abendländischen Kulturraum, in welchem der Selbstmord mehr oder weniger heute noch als schändlich angesehen wird und für viele ein Tabu-Thema ist, galt in Japan der Freitod also auf jeden Fall als ehrenvoll und genoss den Privilegstatus.
Der Bushido trat mit dem Zusammenbruch des Tokugawa-Shogunats, der das Ende der feudalen Gesellschaft in Japan symbolisierte, im Jahre 1868 außer Kraft, doch die weitgehend durch diesen Verhaltenskodex geprägte Einstellung der Japaner zum Suizid darf nicht bloß als eine historische Kuriosität betrachtet werden. Das Phänomen der Kamikaze-Flieger im 2. Weltkrieg wäre nur das gängigste Beispiel dafür. Der Einfluss der im Verhaltenskodex der Samurai illustrierten Sicht der Kriegerklasse auf den Tod um Allgemeinen und den Suizid im Speziellen auf die Wertevorstellungen der Japaner von heute lässt sich in vielen Bereichen des Lebens erkennen. Selbst wenn im modernen Japan die Motive der Suizidenten sich oft nicht von denen ihrer abendländischen „Leidensgenossen“ unterscheiden, so weist doch Japan derzeit die höchste Selbstmordrate der Welt vor!
Gegenwärtig ereignen sich im Land der aufgehenden Sonne nämlich ca. 90 Selbstmorde am Tag, also 30.000 pro Jahr. Diese Zahl übersteigt ums Dreifache die entsprechende Zahl der Verkehrstoten! Gleichzeitig wird das heikle Thema in Japan mit einer Unbefangenheit und Selbstverständlichkeit behandelt, die mit dem europäischen Usus nicht zu vergleichen sind. Die in Folge dargestellten Sachverhalte sind nur einige Beispiele, die das ganze Ausmaß der Problematik verdeutlichen sollen.
Wie hoch ist die Bereitschaft des modernen Japaners dem eigenen Leben eigenhändig ein Ende zu setzen? Sicherlich wäre an dieser Stelle jede Pauschalisierung fehl am Platze, Fakt ist jedoch, dass manche Gruppen extrem gefährdet sind. Bei den Vertretern der mittleren Generation, also bei Menschen, vor allem männlichen Geschlechts im Alter zwischen 45 und 64 Jahren spricht man in diesem Zusammenhang bereits von einem Selbstmordsyndrom. Zum einen ist die Ursache dafür in den wirtschaftlich-strukturellen Veränderungen der letzten Jahre zu suchen. Die Beschäftigungspolitik der Firmen, die noch bis vor Kurzem eine lebenslange Einstellung und Beförderung garantierten, weicht immer mehr den westlichen Modellen, was, verstärkt durch die andauernde Rezession, nicht nur die Arbeitslosenzahlen in die Höhe treibt, sondern für den Ruin mancher Existenzen sorgt. Das hängt damit zusammen, dass ein Durchschnittsjapaner seinen Lebensstandard durch Schulden finanziert, welche früher zwar erst zum Lebensende, aber dank der garantierten Arbeit doch ohne Probleme abgezahlt werden konnten. Die Arbeitslosenhilfe fällt im Inselstaat sehr mager aus und wird nur für eine kurze Zeit gewährt. Dazu kommt noch, dass im Gegensatz zum westlichen Kulturkreis ein derartiger Schicksalsschlag in der japanischen Schamkultur nicht nur eine finanzielle Notlage für die Betroffenen und ihre Familien bedeutet, sondern von vielen ganz im Sinne der alten Traditionen als Gesichtsverlust empfunden wird, welcher im Verständnis auch der modernen Japaner durch Selbsttötung wieder gut gemacht werden kann. Nicht ganz zu unterschätzen dabei ist wohl auch die Tatsache, dass Antidepressiva in Japan erst seit dem Jahr 2000 (!) verschrieben werden dürfen… Um sich ein derartig dramatisches Schicksal zu ersparen, schlagen die meisten Japaner einen im Prinzip erfolgsversprechenden Weg ein: Arbeiten, arbeiten und noch mal arbeiten, lautet die Devise. Im internationalen Vergleich liegt der Inselstaat an der Spitze mit der Anzahl seiner regulär durchschnittlich geleisteten Überstunden. Im Verkaufs- und Servicebereich sind es z. B. durchschnittlich über 30 unbezahlte Überstunden pro Monat. Manche Angestellten in höheren Positionen arbeiten bis zu 16 Stunden am Tag, Samstag und Sonntag inklusive. Auch der sowieso schon im internationalen Vergleich kurze Urlaub wird in Japan so gut wie nie komplett ausgekostet, denn es gilt als unhöfflich, den Kollegen die Arbeit aufzubürgen, die man wegen der eigenen Abwesenheit als unerledigt liegen lässt. Diese Arbeitsmoral mündet allerdings letztendlich in ein weiteres typisch japanisches Phänomen, das seit 1997 sogar gesetzlich als kompensationsfähig anerkannt wurde: Karo-jisatu – Selbstmord durch Überarbeitung.
Das Land passt sich so gut wie möglich den Gepflogenheiten ihrer Bürger an. So zierten z. B. vor kurzem Schilder wie „Bitte nicht zu Stoßzeiten springen“ die U-Bahn-Haltestellen der japanischen Hauptstadt (die dann nach einer kurzen Zeit doch entfernt wurden…) Auch die Alleen des Aokigahara-Jukai-Nationalparks am Fuße des legendären Berges Fuji säumen Warntafeln mit Inhalten wie „Bringen Sie sich bitte nicht um. Denken Sie an ihre Angehörigen“ oder Seelsorge-Telefonnummern.
Verständlich, vor allem, wenn man bedenkt, dass das Aufsammeln und das anschließende Beisetzen von Suizidopfern an diesem „traditionellen“ Selbstmordort nicht vom Staat subventioniert wird und letztendlich der Geruchsbelästigung wegen von den Bewohnern des anliegenden Dorfes ein Mal im Jahr auf eigene Kosten durchgeführt werden muss. Eine weitere bei Suizidenten derartig beliebte Örtlichkeit ist der Kegon-Wasserfall. Die 7 Meter breite und 100 Meter hohe Kaskade, die sich in der Nähe von Nikko befindet (zur Information für evtl. Pilger ;)) ist von einem buddhistischen Mönch im Jahre 782 entdeckt worden und hat von ihm seinen heutigen Namen erhalten, welchen der Mönch nach einem buddhistischen klassischen Text, der Kegon-Sutra ausgewählt hat. Der erste bekannte Selbstmordfall, der sich am Kegon-Wasserfall ereignet hat, wurde von einem 16-jahrigen am 22.05.1903 verübt. Bevor der Student der Tokyo-Universität in die Tiefe stürzte, verfasste er auf einem Stück Baumrinde mit Pinsel und Tinte sein Abschiedsgedicht, welches später in den Zeitungen veröffentlicht wurde. Der Selbstmord des Jungen war eine Sensation für die damalige Gesellschaft. Er löste heftige Diskussionen in den Medien aus und hat vor allem auf Jugendliche einen großen Einfluss genommen, so ähnlich wie es nach der Erscheinung der „Leiden des jungen Werthers“ von Goethe in Europa der Fall war. In den vier folgenden Jahren wurden 185 Selbstmordversuche gezählt, wovon 40 tödlich endeten. Die anderen wurden von Polizisten, die dort Wache hielten, verhindert. Heutzutage ist das Gelände abgesperrt, um weitere Versuchen Einhalt zu gebieten…
Noch Einiges könnte man zu diesem Thema hinzufügen, doch für einen kurzen Überblick sollte es erst einmal genügen. Diejenigen, die durch diesen Bericht ein allzu negatives Bild von dem faszinierenden fernöstlichen Land bekommen sollten, seien aber doch daran erinnert, dass man in Japan nicht nur (aber immerhin…) Selbstmordlexika vorfindet – schließlich gibt es da noch Zen, leckeren Tee (oder wen es mehr interessiert, für mein Geschmack allerdings nicht sooo leckeren Reiswein ;)) und… z. B. hübsche Geishas ;).